
Teil 6 | Warum die Zukunft der Wasserhygiene nicht zwangsläufig chemisch sein muss
Trinkwasserhygiene | Wasser wissen
Über viele Jahrzehnte wurden mikrobiologische Herausforderungen in der Trinkwasserhygiene vor allem mit chemischen Desinfektionsverfahren behandelt. Chlor, Chlordioxid, Ozon und andere Desinfektionsmittel haben sich in zahlreichen Anwendungsbereichen bewährt und sind bis heute wichtige Bestandteile der Wasseraufbereitung.
Gleichzeitig verändern sich jedoch die Anforderungen an moderne Trinkwasserinstallationen. Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Materialverträglichkeit und ein möglichst ressourcenschonender Betrieb rücken stärker in den Mittelpunkt. Damit stellt sich zunehmend die Frage, ob chemische Verfahren auch künftig in jeder Situation die einzige oder beste Lösung sein müssen.
Wasserhygiene beginnt nicht erst bei der Desinfektion
Die Erkenntnisse der vergangenen Jahre zeigen, dass hygienische Probleme nur selten durch einen einzelnen Faktor entstehen.
Biofilme entwickeln sich über längere Zeiträume. Stagnation verändert die mikrobiologischen Bedingungen innerhalb einer Trinkwasserinstallation. Ungünstige Temperaturen und hydraulische Schwachstellen können das Wachstum von Mikroorganismen zusätzlich begünstigen.
Wer diese Ursachen dauerhaft reduziert, verschlechtert gleichzeitig die Lebensbedingungen für unerwünschte Keime. Der Fokus verschiebt sich dadurch zunehmend von der ausschließlichen Bekämpfung vorhandener Mikroorganismen hin zur Vermeidung der Bedingungen, unter denen sie sich vermehren können.
Prävention gewinnt an Bedeutung
Dieser Ansatz findet sich auch in modernen Wassersicherheitsplänen wieder.
Statt erst dann zu reagieren, wenn mikrobiologische Grenzwerte überschritten werden, sollen mögliche Risiken möglichst früh erkannt, bewertet und durch geeignete Maßnahmen reduziert werden.
Prävention bedeutet dabei nicht, grundsätzlich auf eine Desinfektion zu verzichten. Vielmehr geht es darum, hygienische Risiken möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine bedarfsgerechte hydraulische Planung, die Vermeidung von Stagnation, eine stabile Temperaturführung und ein regelmäßiger Wasseraustausch spielen dabei eine wichtige Rolle. Hinzu kommen die kontinuierliche Überwachung kritischer Betriebsparameter und ein dauerhaft hygienischer Betrieb der gesamten Anlage.
Alternative Verfahren erweitern die Möglichkeiten
Parallel zu diesem veränderten Verständnis entwickeln sich auch die verfügbaren Technologien weiter.
Neben chemischen und thermischen Verfahren stehen heute zunehmend physikalische Verfahren zur Verfügung, die je nach Anwendungsfall eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative darstellen können. Dazu gehören beispielsweise UV-Bestrahlung, Membranverfahren und hydrophysikalische Technologien.
Die Verfahren verfolgen unterschiedliche technische Ansätze, haben jedoch ein gemeinsames Ziel. Sie sollen dazu beitragen, die hygienische Qualität des Trinkwassers dauerhaft sicherzustellen.
Welche Technologie geeignet ist, hängt immer von der jeweiligen Anwendung sowie von den technischen, hygienischen und wirtschaftlichen Anforderungen ab. Eine allgemeingültige Lösung für jede Trinkwasserinstallation gibt es daher nicht.
Nachhaltigkeit wird zum wichtigen Entscheidungsfaktor
Neben der hygienischen Wirksamkeit gewinnen weitere Kriterien an Bedeutung. Dazu gehören der Energieverbrauch, die Betriebskosten, der Wartungsaufwand, die Beanspruchung der eingesetzten Materialien und der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen.
Diese Faktoren spielen bei der Auswahl eines geeigneten Verfahrens eine immer größere Rolle. Auch regulatorische und gesellschaftliche Entwicklungen verstärken den Anspruch, den Einsatz von Chemikalien dort zu reduzieren, wo geeignete Alternativen zur Verfügung stehen und ein vergleichbares Schutzniveau erreicht werden kann.
Dadurch entstehen neue Impulse für innovative Technologien und Betriebskonzepte innerhalb der Wasseraufbereitung.
Die Zukunft wird vielfältiger
Die Wassertechnik befindet sich im Wandel.
Während früher häufig nach der einen richtigen Lösung gesucht wurde, setzt sich heute zunehmend die Erkenntnis durch, dass unterschiedliche Anwendungen auch unterschiedliche Konzepte erfordern.
Krankenhäuser stellen andere Anforderungen an die Wasserhygiene als Hotels. Industrieanlagen unterscheiden sich deutlich von Wohngebäuden. Auch die mobile Wasseraufbereitung folgt anderen Rahmenbedingungen als eine stationäre Trinkwasserinstallation.
Die Zukunft der Wasserhygiene wird deshalb voraussichtlich nicht von einer einzelnen Technologie geprägt sein. Stattdessen werden intelligente und aufeinander abgestimmte Lösungen an Bedeutung gewinnen, die sich an den tatsächlichen Anforderungen der jeweiligen Anlage orientieren.
Fazit
Chemische Desinfektionsverfahren werden auch künftig einen festen Platz in der Wassertechnik behalten. Gleichzeitig wächst der Anspruch, ihren Einsatz gezielt zu prüfen und dort zu reduzieren, wo geeignete andere Verfahren zur Verfügung stehen.
Physikalische Technologien, präventive Betriebskonzepte und moderne Wassersicherheitspläne erweitern die Möglichkeiten für eine nachhaltige Trinkwasserhygiene.
Die entscheidende Frage wird künftig daher nicht mehr ausschließlich lauten:
„Welches Desinfektionsmittel setzen wir ein?“
Viel wichtiger wird die Frage sein:
„Wie schaffen wir dauerhaft hygienische Bedingungen innerhalb der gesamten Trinkwasserinstallation?“
Denn nachhaltige Wasserhygiene beginnt nicht mit der Wahl einer einzelnen Technologie. Sie beginnt mit einem ganzheitlichen Verständnis der gesamten Trinkwasserinstallation und der Bedingungen, unter denen sie betrieben wird.
